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Abschlusskonzert Musikfesttage

Veranstaltung

Wann:
So, 5. Mai 2019, 17.00 Uhr
Wo:
Lausitzhalle Hoyerswerda - Hoyerswerda, Sachsen

Konzertinformation

Bedřich Smetana: Vltava – Die Moldau (aus dem Zyklus: Má vlast – Mein Vaterland)
Die Quellflüsschen: Allegro comodo non agitato
Waldjagd
Bauernhochzeit: L'istesso tempo ma moderato
Mondschein und Nymphenreigen: L'istesso tempo – Tempo I
St.Johann-Stromschnellen
Der Fluss strömt breit dahin: Più moto

Sicher kennen Sie das Werk des Meisters über den längsten mährisch-böhmischen Fluss!
Besonders das Hauptthema ist ein echter Ohrwurm. Diese Melodie prägte bereits Volkslieder in Italien und Schweden, wurde übernommen in der israelischen Nationalhymne – und wenn Sie bei dem Auftakt der Melodie weghören, erkennen Sie die Tonfolge des Kinderliedes: Alle meine Entchen! Auch der bekannte Karel Gott sang dieses Volkslied und Hans Eisler (1898-1962) unterstrich bei der Vertonung von Bert Brechts Lied von der Moldau den Charakter mit dieser Melodie.
Smetana komponierte das Konzertstück in nicht einmal drei Wochen im Spätherbst 1874 und begeistert mit seiner hohen Musikalität die Menschen zu jeder Zeit. Dabei ging es dem Verfasser dieser Kunst nicht mehr gut. Er musste sein Amt als Kapellmeister am Nationaltheater Prag gerade aufgeben, da er fast nichts mehr hörte. Aber nicht nur das: Er litt dabei unter starken Ohrgeräuschen. Ständig quälte ihn das schrille Pfeifen eines Akkordes in den höchsten Tönen der Piccoloflöte. Er zog sich deshalb zurück aufs Land zur Tochter – und hinterließ in der Folgezeit trotzdem der Nachwelt beeindruckende Werke.
Um der Musik zu lauschen, stellen Sie sich vor, in einem Boot zu sitzen und die Moldau hinunter zu fahren. Dabei betrachten Sie alles, was sich rechts und links des Ufers abspielt.
Nun folgen wir Smetanas eigenen Worten: Die Komposition schildert den Lauf der Moldau, angefangen bei den beiden kleinen Quellen, der kalten und der warmen Moldau, über die Vereinigung der beiden Bächlein zu einem Fluss – den Lauf der Moldau durch Wälder und Fluren, durch Landschaften, wo gerade eine Bauernhochzeit gefeiert wird – beim nächtlichen Mondschein tanzen die Nymphen ihren Reigen. Auf den nahen Felsen ragen stolze Burgen, Schlösser und Ruinen empor. Die Moldau wirbelt in den St.-Johann-Stromschnellen – im breiten Zug fließt sie weiter gegen Prag, am Vyšehrad vorbei, und in majestätischem Lauf entschwindet sie in der Ferne schließlich in der Elbe.

Sergei Rachmaninow: Rhapsodie über ein Thema von Paganini   op. 43
Introduktion: Allegro vivace
24 Variationen: vorwiegend das Tempo der Introduktion,
ab Variation XX: Un poco più vivo
Variation XXIV: A tempo un poco meno mosso

Vielleicht haben Sie schon einmal als Zugabe eines Violin-Solisten in einem Konzert die 24. Caprice (= Laune, Grille, Improvisation) gehört. Sie ist das letzte Stück des ersten Werkes von Paganini, das im Druck erschien: 24 Capricen für Violine solo (1820). Wer diese Grille aufführen möchte, muss wirklich sehr gute musikalische und technische  Qualitäten auf seinem Instrument besitzen. Alle Capricen sind absolut subjektive Stücke, die geradezu Improvisation und Freiheit verlangen, wie einmal ein Kritiker schrieb.
Die 24. Caprice ist ein eigener Zyklus im Zyklus. Deshalb inspirierte sie manchen Komponisten als Vorlage – z.B. vor Rachmaninow Johannes Brahms und Franz Liszt. Sicher faszinierten sie alle die  kontrastreichen Variationen über ein leicht dahinschwebendes, gesangliches Thema: mit dem fliegenden Staccato der rechten Hand, mit dem Linke-Hand-Pizzicato  und den Tonfolgebrechungen.
Rachmaninow aber fügte noch eine viel ältere Melodie in seinen Variationen ein: die Sequenz „Dies irae, dies illa“ (= Tag des Zorns, Tag der Sünden), einen Hymnus über das Jüngste Gericht. Diese Melodie aus dem 14. Jahrhundert wurde bis 1970 in der römisch-katholischen Totenmesse gesungen und erscheint auch in anderen Werken des Künstlers. Der Grund für die programmatische Verbindung des leichfüssigen „Grille“-Themas mit einer Sequenz aus der Totenmesse versuchen die Musikwissenschaftler in einem Brief Rachmaninows an den russischen Tänzer und Choreografen Michail Fokine (1880-1942) gefunden zu haben: Der Legende nach verkaufte der große Geiger seine Seele an den Teufel, um Perfektion auf seinem Instrument und die Liebe einer Frau zu erlangen. Das „Dies irae“-Motiv steht dabei für den Teufel (!), das Paganini-Thema für den komponierenden Geiger selbst. Fokine erstellte auf dieser Basis gemeinsam mit Rachmaninow eine Ballett-Choreografie zur Rhapsodie, welche ebenfalls großen Erfolg hatte.
Wir möchten Sie auf einige Merkmale der Variationen, wie sie der Komponist nun mit einem solistischen Klavier neben dem Orchester entworfen hat, aufmerksam machen:
Das Thema Paganinis erscheint erst nach einem kleinen Auftakt (Introduktion) in der 1. Variation, gespielt von den Violinen des Orchesters. Diese Melodie wird in der 2. Variation vom Klaviersolisten aufgenommen.
Achten Sie nun auf die 7. Variation, die in einem langsamen Tempo gehalten wird: Hier wird das „Dies irae“ vom Fagott und den tiefen Streichern eingeführt (Einwurf nach den Worten des  Komponisten – auch im Folgenden -: Es ist der Dialog des Teufels mit Paganini).
In der 10. Variation werden die beiden Themen verbunden (Entwicklung des Bösen).
Ab der 11. Variation beginnen die Liebes-Episoden mit dem Erscheinen einer Frau, einem Marsch (13. Variation) als Gespräch mit der Frau.
Vielleicht kommt Ihnen die 18. Variation bekannt vor. Sie ist besonders gefühlsintensiv und fand Eingang in manchem Film.
Von der 19. Variation an befinden wir uns tonal wieder im Ausgangsthema (Darstellung der Violinkunst Paganinis). Die kurzen Sätze werden nun immer schneller (Paganini wird vom Teufel besiegt).
In der letzten Variation hören wir noch einmal die „Dies irae“-Sequenz und das Werk fällt nach einem Furioso in zwei leisen Akkorden zusammen.
Rachmaninow komponierte die Rhapsodie (= poetische Bruchstücke) vier Jahre nach der Rückkehr aus den USA (Ich hatte Heimweh nach Europa) in der Schweiz auf seinem Grundstück am Vierwaldstädter See im Jahr 1934. Im selben Jahr war er in Baltimore zur Uraufführung am Klavier zu erleben. In seiner Tiefe und Vielseitigkeit überzeugt das Werk bis heute.

Antonín Dvořák: Zlatý kolovrat – Das goldene Spinnrad op. 109
einsätzig – mit abschnittsweisen Tempi-Wechsel

Ebenso wie Smetana war Dvořák begeisterter musikalischer Ausgestalter des tiefsinnigen und befreienden Nationalgedanken durch die Aufbereitung von mythologischen Inhalten, die der böhmisch-mährischen Sagen- und Märchenwelt zugeschrieben wurden. Aber trotzdem lassen sich beide großen tschechischen Komponisten nicht vergleichen. Während Smetana  als protestantischer Städter  mehr mit feinen lautmalerisch abwechselnden Strichen ohne spätere Wiederholungen zeichnete, setzte sein jüngerer katholischer „Schüler“ Dvořák, der gern auf dem Land lebte, mehr auf die volle sinfonische, thematisch verwobene Kraft. Noch in Amerika entstanden große Sinfonien (man denke an die Neunte: Aus der neuen Welt). In die Heimat zurückgekehrt, beschäftigte er sich mit der Kleinform der sinfonischen Dichtung. Inerhalb eines Jahres (1896) entstanden Der Wassermann, Die Mittagshexe, Die Waldtaube und Das goldene Spinnrad, alles   Vertonungen nach Balladen aus der Sammlung Kytice (Blütenlese) des Archivars und Sammlers von Volksmärchen und Volksliedern Karel Jaromír Erben (1811-1870). Zusammenfassungen der jeweiligen musikalisch aufbereiteten Handlung gab Dvořák den Hörern in Prosaform mit.
Wir nehmen deshalb zunächst eine der Kurz-Varianten des Märchen vom Goldenen Spinnrad zur Kenntnis (Anklänge an Aschenputtel oder Dornröschen sind offenkundig):
Ein junger König verliebt sich in die arme, aber schöne und fleißige Spinnerin Dornička (= Lieb Dorchen), heiratet sie – muss aber bald in die Fremde in den Krieg ziehen. Doch die Vermählte war ein angenommes Kind. Deren Stiefmutter möchte zu gern deren eigene, faule Tochter in die Gunst des Königs bringen. Mutter und Tochter erschlagen und verstümmeln Dornička und legen sie in den Wald, wo sie ein alter Einsiedler findet. Er verkauft daraufhin den beiden Mörderinnen ein verhextes goldenes Spinnrad und es gelingt dem Einsiedler die schöne Spinnerin wieder zum Leben zu erwecken. Als der König auf seine Burg zurückkehrt, setzt sich die böse Tochter voller Stolz an das verzauberte Spinrad, das surrend das Verbrechen aufdeckt. Der König holt seine rechtmäßige Ehefrau auf die Burg zurück, feiert ein Fest und überlässt die Mörderinnen den wilden Tieren.
Man kann das alles auch noch kürzer fassen, wie es der Dichter Albrecht Selge (* 1975) beschreibt:
Drei Frauen werden abgemurkst, zwei davon zurecht, denn sie sind böse Stief-Frauen, die dritte aber wird trotz abgehackter Arme und herausgerissener Augen wieder auferweckt: Dornička, eine Art Aschenröschen oder Dornputtel FSK 18. In dieser Musik gibt’s logischerweise ein celli-ratterndes Spinnrad, außerdem viele Jagdhornfanfaren und eine verliebte Solovioline.
Wie wir es auch auffassen - wir erkennen in der sinfonischen Dichtung Dvořáks die einzelnen Themengruppen in verschiedenen Tonarten und Tempi: die des Königs (Hörnerklang), von Dornička (liebliches Motiv, verbunden mit dem Surren des Spinnrades) und der Stiefmutter (stechendes Motiv). Diese Klänge werden in allen Abschnitten des einsätzigen Werkes dargestellt. Als einzigstes der vier Kompositionen von 1896 endet diese Tonsetzung in einem strahlenden Fest des Königspaares.
Eine private Uraufführung im Prager Konservatorium erfolgte bereits bald nach der Niederschrift. Von hier aus ging das Werk schnell in den Umlauf der Welt, blieb aber letzten Endes stets im Schatten der übermächtigen Sinfonien des tschechischen Meisters.

Texte: Dr. Rüdiger Laue